Quibbler, Elfte Ausgabe (Mai)

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Quibbler

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Re: Quibbler, Elfte Ausgabe (Mai)

von Quibbler am 31.05.2018 16:37

prosa & poesie

ich kann mich nicht bewegen



Die Stimme war genauso schnell aufgetaucht, wie die anderen verschwunden waren. Monatelang hatte die Stille in meinen Ohren geschlafen und sich breit gemacht, nicht willig, sich meinem Willen zu fügen und zu verschwinden, bis ich ihn hörte. Obwohl er leise war, schob sich seine Stimme so eindringlich und unausweichlich zwischen die Stille und meine Trommelfelle, dass ich gar nicht umhin konnte, in den großen Sumpf hinaus zu waten und nachzusehen, wer da war. Bevor ich die Grenze zum unnachgiebigen Morast übertrat, konnte ich ihn sehen. Er war eine kleine Gestalt, hellblonde Haare und ein beinahe so zierliches Gesicht, dass ich glaubte, er müsste dem Moor, welches ihn verschlang, wohl wie Zucker munden. Jedoch blitzten mir nur seine hellen, beinahe bernsteinfarbenen Augen durch den Schlamm, der bereits sein Gesicht verdreckt hatte, entgegen und ermöglichten es mir, ihn zu orten. Sobald ich mich in seine Nähe hatte begeben können, hatte er aufgehört zu rufen, bereits bis zum Hals steckte er in dem morastigen Boden. Ich warf ihm ein Seil aus, welches ich bei mir zu tragen pflegte, in dem Glauben, jeden Tag wohl doch noch überlebende finden zu können, doch dem war nie so gewesen. Bis heute. Der dunkle Himmel machte es mir schwer, ihn im Moment genauer zu erkennen, trotzdem sich meine Augen an die weilende Finsternis gewöhnt hatten. Seit Monaten hatte ich in der Gegend keinen Sonnenstrahl mehr erblickt.
Er schien das Seil zu greifen, mit letzter Kraft, denn ich spürte es kaum, als er sich festhielt und nun zu wimmern begann: „Ich kann mich nicht bewegen...ich kann mich nicht bewegen", er sagte nicht mehr, nur noch das und während ich ihn herauszog, versuchte ich, ihm ruhig zuzusprechen und ihn zu beruhigen. Es war ein schweres Stück Arbeit, ihn aus dem Sumpf zu entfernen, und das obwohl er kaum etwas wog, wie ich feststellen konnte, sobald ich ihn vor mir liegen sah, gerettet aus dem unnachgiebigen Sog der schlammigen Tiefen. Er zitterte und fror und wollte sich sogleich zusammenrollen, obwohl der Boden noch immer triefend und kühl war. Als ich mich zu ihm hinabbeugte, um ihn auf meine Arme zu heben, klammerte er sich sofort an dem lockeren alten Shirt meines Vaters fest, welches ich regelmäßig trug, denn ich lebte in ständiger Angst, ihn zu vergessen. „Ich kann mich nicht bewegen", wiederholte er erneut und vergrub sein Gesicht in meiner Schulter, doch sagte ich nichts mehr dazu. So etwas konnte tierisch traumatisierend sein.

Wo genau er herkam oder was ihn in diese verfluchte Gegend verschlagen hatte, konnte ich mir nicht erklären. Doch das musste ich auch nicht, was zählte, war sein Leben zu retten. Also brachte ich ihn ohne Umwege zu meiner kleinen Hütte in der Nähe des Sumpfes, welche wohl bald ebenso wie der Rest der Stadt darin verschwinden würde. Mit mir darin, es war nur eine Frage der Zeit. Bisher hatte niemand dem Moor endgültig entkommen können. Der Kleine hatte irgendwann auf dem Weg aufgehört, zu sprechen und hielt sich lediglich an mir fest, als könnte er fallen und verloren gehen. Als ich in meinem Heim anlangte, stieß ich die Tür mit dem Fuß auf und legte ihn sanft auf meinem Bett ab, den Schlamm und den Dreck, der an seinem Körper und seinen Klamotten klebte nicht achtend, bevor ich eine Kerze anzündete, welche nur spärlich Licht durch die verpestete und verdunkelte Luft spendete. „Ich lasse dir mal ein Bad ein", sagte ich sanft zu ihm, doch er zeigte keine Reaktion. Es war mir egal, denn allein die Gesellschaft tat mir gut und lenkte mich ein wenig ab. Also nahm ich die alte Metallwanne, um sie aufzustellen, bevor ich ein Feuer entfachte und etwas Wasser aus dem Brunnen in der Mitte der einräumigen Hütte darüber stellte. In der Wartezeit, die es dauerte, bis das Wasser aufgewärmt war, musterte ich ihn wieder. Ich konnte ihn im flackernden Licht des Feuers genauer erkennen und stellte fest, dass nicht nur seine Gesichtszüge, sondern sein gesamter Körper zierlich und schmal aussahen, beinahe als würde er zerbrechen oder zu Staub zerfallen, wenn man ihn berühren würde.

Das Wasser schließlich in die Wanne füllend, sah ich aus dem Augenwinkel, wie er den Kopf hob und erst das dampfende Wasser und dann mich ansah. Es war warm und würde ihm sicher guttun, weshalb ich also die wenigen Schritte durch den Raum zu ihm überbrückte und ihn erneut vorsichtig hochhob. Während ich ihn sanft durch den Raum trug, hatte er diesmal seinen Blick unentwegt auf mein Gesicht gerichtet, sagte jedoch nichts. Ich stellte ihn vor der Wanne ab, seine baren und kleinen Füße berührten den Boden beinahe lautlos und obwohl ich seine Haut durch den Dreck kaum erkennen konnte, war ich mir sicher, dass sie wohl ebenso weiß waren, wie der Rest seines Körpers. Ich half ihm vorsichtig dabei, seine Klamotten zu entfernen, wogegen er sich nicht aussprach oder wehrte, die ganze Zeit blickte er mich nur stumm an. Als er dann so zitternd und am ganzen Körper verdreckt vor mir stand, sodass nur wenige Stellen seiner schneeweißen Haut hervorblitzten, empfand ich noch mehr Mitleid, als sowieso schon und half ihm vorsichtig in die Wanne vor ihm. Für einen Moment fürchtete ich, dass das Wasser zu warm sein würde, doch der Kleine schien es zu genießen, denn er ließ sich sofort in der dampfenden Wanne nieder und setzte sich hin, wobei er sich bedacht am Wannenrand festhielt. Sein Blick war kurz in das Wasser gerichtet, dann wieder auf mich und ich musste feststellen, dass sein Gesicht noch immer von langsam trocknendem Schlamm bedeckt war. Ich kniete mich neben die Wanne und stützte mich vorsichtig auf dem Rand ab, um meine Hände mit etwas Wasser zu benässen und dann damit sanft über sein Gesicht zu streichen, wobei mein Blick in seinen Augen lag, ebenso wie der seine in meinen. Es war ein magischer Moment und ich hatte trotz meiner Angst das Gefühl, in Sicherheit zu sein. Und wider meiner Erwartungen zeigten seine unter dem Schlamm langsam erscheinenden und tatsächlich zierlichen und schneeweißen Züge ein kleines Lächeln, als wir uns so schweigend ansahen. Wir brauchten keine Worte, um uns zu verstehen. Wir wussten um unser Schicksal und wir wussten, dass wir es nun teilten.

Nachdem er wieder bereinigt von Schlamm und Dreck war und seine Haare klitschnass an seiner Kopfhaut klebten, gab ich ihm ein sanftes Gewand, welches weich und weiß war, ebenso wie seine Haut, und aussah, wie ein kleines Nachtleibchen. Obwohl er sich nicht verbal bedankte, er redeten generell nicht, sah ich in seinen Augen, wie froh er darüber war, dass ich ihn gefunden hatte. Doch sah er ebenso, wie er froh war, auch müde aus, weshalb ich ihm sofort nachdem er das flauschige Leibchen trug, in mein Bett half und ihn mit der federigen Daunendecke bedeckte. Als ich mich zurückziehen wollte, um mir eine andere Schlafstelle zurechtzumachen, hielt er jedoch meinen Ärmel fest und sobald ich mich umwandte, blickte ich wieder in seine großen Augen. „Ich kann mich nicht bewegen...", murmelte er nur und sah mich dabei vielsagend an, doch ich lächelte nur beruhigend und setzte mich zu ihm an die Bettkante, um ihm vorsichtig durch das Haar zu streichen. Bald übermannte ihn der Schlaf und seine Augen fielen zu, doch ließ er meine Hand nicht los, weshalb ich mich schließlich zu ihm in das Bett legte.

Noch ein paar Monate lebten wir gemeinsam, er sprach nie mehr als diesen einen Satz, jedoch wurde es seltener, bis er schließlich gar nicht mehr sprach und ich glaubte beinahe schon, seine sanfte Stimme nie wieder hören zu können, bis zu diesem Tag. Der Tag, den ich schon seit Anbeginn meiner einsamen Existenz berechnet und vorhergesehen und in der letzten Zeit lediglich verdrängt hatte, denn ich wollte nicht mehr, dass er eintraf. Ich führte eine glückliche Existenz, obwohl der Himmel für immer grau war und meine Familie für immer im Moor verloren, ich war glücklich mit ihm. Doch ebenso wie alles Schlechte ein Ende fand, tat es das Gute ihm gleich und so endete auch dieser Abschnitt meines Lebens so jäh, wie er begonnen hatte. An diesem Tag waren wir gemeinsam im Haus, wie eigentlich immer - wir verließen es nur, wenn wir jagen mussten und Nahrung brauchten – als es plötzlich begann, sich zu bewegen. Erst wackelte es sanft hin und her, doch schnell begann es, ruckartiger zu wanken und sank gnadenlos in die Tiefe. Ich erschrak und auch er zuckte zusammen und sofort wandte sich sein Blick ängstlich an mich. Ich richtete mich auf, um zu erkennen, was geschah, und stellte fest, dass zwischen den Ritzen des Bodens bereits der erste Schlamm hervorsprudelte. Der Sumpf hatte uns eingeholt.

„Es passiert", sagte ich sofort zu ihm und er sprang auf, um sich an mich zu klammern, seine zarten Hände wie am Anfang in mein Shirt gekrallt. Auch ich legte meine Arme um ihn, in dem Versuch, ihn bei mir zu halten. Nichts mehr, nicht mal das Moor würde uns voneinander trennen können, es war unmöglich. Wir mussten keine Angst haben. Wir konnten das Haus nicht mehr verlassen, die Tür war vom Morast verklebt, welcher sich schmatzend und ächzend durch die Hauswände schob und zwängte und alles zu verschlingen vermochte, auch uns. Wenige Minuten später waren schon unsere Füße im Schlamm verschwunden und wir spürten, wie kalt dieser war, wie gnadenlos er uns nach unten ziehen wollte. Das Haus sank schneller, als wir es taten, als wolle das Moor und bewusstmachen, dass wir wirklich verloren waren und bald hatte uns die Decke erreicht. Das Dach bestand glücklicherweise nur aus Stroh und Gras, welches wir zur Seite schieben konnten. Der Anblick, der sich uns bot, war unfassbar. Statt des grauen und lichtlosen Himmels entblößte sich ein Sternenhimmel, wie wir ihn nie zuvor gesehen hatten. Beinahe nahtlos bedeckt von sich windenden Galaxien und Sonnen strahlte er ein mattes, weißes Licht auf unsere eingefallenen Gesichter und wir konnten nicht umhin, unsere Köpfe trotz der Situation in den Nacken zu legen. Uns war unendlich kalt und die Tiefe unter uns war unendlich, jedoch ebenso wie die Höhe über uns. Schon waren wir bis zur Hüfte versunken, unsere Hütte nicht mehr sichtbar. Doch wir hatten keine Angst, solange wir beieinander waren. Je weiter wir sanken, desto kälter wurde es und wir mussten feststellen: Wir konnten uns nicht bewegen.

Doch zu unserem Schock begann das Moor auch, uns auseinanderzutreiben. Erst zwängte es sich zwischen unsere Brustkörbe, dann löste es meine Arme von seinem Rücken und seine Hände von meinen Schultern. Panisch sahen wir uns an, wir hielten uns verzweifelt aneinander fest, in dem Wunsch, uns nicht zu verlieren, doch der Sumpf arbeitete gegen uns. Weiter nach unten ging es, wir spürten keinen Boden mehr unter den Füßen und keine Sicherheit, außer jener, dass es zu spät war. Und da sprach er. Ich hatte immer gedacht, er könne nur noch einen Satz, traumatisiert von seiner Erfahrung, welche sich soeben wiederholte, aber das war es nicht. Er hob mit letzter Kraft seine beinahe bereits versunkene Hand aus dem Morast an, um mein Kinn bestimmt zu sich zu drehen und mir direkt in die Augen zu sehen. „Ich liebe dich", sagte er leise und ein Lächeln zuckte über seine schmalen, blassen Lippen. Ich erwiderte seinen Blick mit ängstlichen Augen, während er immer weiter von mir weggetrieben wurde. Meine Hände fest um seine geklammert, versuchte ich ihn, durch den Schlamm wieder zu mir zu ziehen oder ihn zumindest festzuhalten. Mir war kalt, so kalt. Mein ganzer Körper war taub und durch den trägen Boden konnte ich weder ihn noch mich bewegen, weshalb eine wilde Verzweiflung mich packte. Ich war bis zum Kinn versunken und konnte ihn schon nicht mehr sehen, nur seine kalten Finger spürte ich noch, bis auch diese mir vom Boden entrissen wurden. Resigniert legte ich den Kopf zurück, richtete meinen Blick in den Himmel, an welchem die Sterne noch immer strahlten. Und mit einem Mal war ich wieder allein.


31.05.2001, humbertus geringloh

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Quibbler, Elfte Ausgabe (Mai)

von Quibbler am 31.05.2018 16:24

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